Der grosse Römer von Rennes-les-Bains und das verfluchte Gold von Toulouse


Ein Forschungsbericht von Udo Vits
Teil 1: Der grosse Römer von Rennes-les-Bains
Der Titel könnte dem einen oder dem anderen Leser vielleicht zunächst sehr marktschreierisch, zu dick aufgetragen erscheinen. Doch ich finde ihn passend und ich will im Folgenden belegen, dass der Titel mit Bedacht gewählt worden ist und das er einen Sachverhalt treffend beschreibt. Seit langer Zeit ist der Ort nicht nur wegen seiner Thermen ein Begriff gewesen, sondern auch wegen seines staunenswerten Fundreichtums. Kaum ein Autor, der über den Thermalbadeort schreibt, vergisst diesen Umstand zu erwähnen. So z.B. Adolphe Joanne, in seiner "Géographie de l’Aude", aus dem Jahr 1893. "Die Überreste alter Konstruktionen, die Urnen, die in der Nähe der Thermen gefundenen Medaillen bezeugen, dass sie schon von den Römern besucht worden sind." An anderer Stelle bemerkt er, dass vor allen Dingen Münzen massenhaft aufgesammelt worden sind. Darüber berichtet schon der Abbé Delmas, dem wir die ersten aufschlussreichen und zuverlässigen Berichte über seine jahrelangen Recherchen verdanken. Dem sogenannten Delmas-Manuskript (1709) – einem Forschungsbericht des Curé - ist zu entnehmen, dass zumindest in der Zeit, in der Abbé Delmas Curé in Rennes-les-Bains gewesen ist, von den Einwohnern des Ortes römische Bronze- und Kupfermünzen einfach an Altmetallhändler verkauft wurden, bis Delmas seine Schäfchen dazu aufforderte, ihre Funde doch lieber bei ihm gegen einen besseren Preis abzuliefern. Sein Appell richtete sich jedoch nicht ausschliesslich an die Finder von Münzen, denn die einfachen Leute in Rennes-les-Bains stolperten geradezu bei Schritt und Tritt über Hinterlassenschaften aus der römischen antike und dem Mittelalter. Gewöhnliche Funde betrachteten sie als alltägliche Angelegenheit. Scherben oder zerbrochene Keramiken  und andere, "alte" Sachen mögen sie ganz einfach als Müll angesehen und entsprechend behandelt haben. Sicherlich sind im Verlauf der Zeit unzählige Stücke unwiederbringlich verloren gegangen. So manches hat sich aber, trotz der seit den 60er Jahren ausufernden Raubgräberei, sogar bis in die heutige Zeit erhalten.
Noch 1983 war die Quelleinfassung von "Le Cercle" geschmückt mit zwei römischen Kapitellen, aus der Zeit, zwischen dem 1. Jh. v.u.Z. und dem 2. Jh. u.Z. und einer Urne. Diese kostbaren Stücke wurden von den Archäologen Rancoule und Toulze, zusammen mit einer enormen Menge antiker Töpferwaren, im Gesamtgewicht von 72 kg, geborgen. Einige der schönsten Stücke sind seit dem, zusammen mit anderen Fundstücken, in dem kleinen Museum des "syndicat d’initiative", in Rennes-les-Bains ausgestellt. Im Bereich der Quelle kamen bei dieser Notgrabung ausserdem zahlreiche römische Münzen vom Beginn unserer Zeitrechnung, antikes Glas, römische Dachziegel, Nägel und Beschläge zutage. Das Glas scheint nach Auffassung der beiden Archäologen in einer Glashütte, bei der Salsquelle hergestellt worden zu sein. Die Keramik dagegen gleicht den Produkten aus den Töpfereien von Grafenseque, in der Nähe von Millau, mit deren charakteristischen Nachahmungen von Arezzo-Keramik. Einige der schönsten Fundstücke kamen an das kleine Museum des "syndicat d’initiative" in Rennes-les-Bains.
Daemonas Kopf, an seinem früheren Platz, in der
Mauer des Pfarrhauses von Rennes-les-Bains Daemonas Kopf, an seinem früheren Platz, in der Mauer des Pfarrhauses von Rennes-les-Bains
In diesem Museum, mit dem es so seine eigene Bewandtnis hat, befindet sich noch ein anderes Fundstück, welches in der Saunière-Saga eine gewisse Rolle spielt. Die Rede soll jetzt von jenem ominösen Kopf sein, der zuweilen als "tête de l'homme" bezeichnet, einmal den Merowingerkönig Dagobert II, ein anderes mal Jesus darstellen soll. Es kursieren die phantastischsten Interpretationen. Richtig ist, dass kein anderer als Abbé Boudet, im Dezember 1884, den steinernen Kopf, mit einer Spitzhacke von dem Sockel herunterschlug, auf dem er seit keltischer Epoche an seinem angestammten Platz, etwas östlich von Rennes-les-Bains, thronte. Der Platz war den Einheimischen früher mehr unter seinem occitanischen Namen "Pla de las Brugos" bekannt (le pla de las sorcières auf französisch, was Platz der Hexen, oder Hexenplatz bedeutet. Wir würden wahrscheinlich Hexentanzplatz dazu sagen) [1]. An der Stelle befindet sich ein uraltes Quellheiligtum, an dem die keltische Göttin Daemona verehrt wurde. Und demzufolge stellt der Kopf niemand anderen dar, als die alte keltische Göttin. Boudet brachte seine Trophäe an der Aussenmauer seines Pfarrhauses an, den "Fund"-Ort taufte er kurzerhand um, in "Le Cap de l’Homme", und den Kopf auf den Namen "la tête du Sauveur" (Kopf des Erlösers) – was nicht gerade für die profunden Geschichtskenntnisse spricht, die man dem Mann gerne nachsagt. Die Skulptur aus Sandstein misst 30 cm in der Länge, 23 cm in der Breite und wurde von einem Sockel abgetrennt, der 90 cm hoch gewesen ist.
Nahaufnahme des geheimnisvollen Kopfes Nahaufnahme des geheimnisvollen Kopfes
Boudet versuchte sich später in seinem Buch für den Vorgang zu rechtfertigen: "Es ist bedauerlich, dass man im Dezember des Jahres 1884 diese schöne Statue von ihrem angestammten Platz entfernen musste, um sie vor den Verwüstungen durch die Spitzhacke eines törichten jungen Mannes zu bewahren, welcher bei Weitem die Bedeutung und den Wert dieser Statue nicht erkannte." [2] Wir gehen davon aus, dass mit dem törichten jungen Mann kein anderer gemeint gewesen ist, als Boudets Amtsbruder, der Curé von Rennes-le-Château, Bérenger Saunière. Gar so innige Freundschaftsbande, wie heute gemeinhin angenommen, scheinen die zwei Curés demzufolge nicht verbunden zu haben. Eher sieht es so aus, als wären sie Konkurrenten gewesen, bei ihrer Jagd nach Antiquitäten.

Daemonas Kopf blickte bis zum Jahr 1992 von der Mauer des Pfarrhauses, über den Friedhof hinweg, zur Sals, jenem harmlos erscheinenden, kleinen Flüsschen, das am 26. September dieses Jahres zum alles verschlingenden Ungeheuer anschwoll und mit einer 7 m hohen Flutwelle durch den kleinen Ort in dem engen Tal raste. Sollte das etwa Daemonas späte Rache gewesen sein?

Im Zuge der Aufräumungsarbeiten nach der Flut gelangte der Kopf ebenfalls in das kleine Ortsmuseum und ist seitdem quasi verschwunden. So, wie das gesamte Museum mitsamt seinem Inhalt. Bis vor etwa 3 Jahren befanden sich die Räume des Museums im ersten Stock des "Maison de Curiste", am Ortseingang von Rennes-les-Bains. Dann zog das Büro der Bäderverwaltung um, in ein anderes Gebäude. Das Gebäude, im dem sich der Sitz der Verwaltung bis dahin befunden hatte, wurde verkauft und das Museum, welches, wie das Haus, demselben Eigentümer gehörte, existiert angeblich nicht mehr. Unglaublich...?
Die Brunnenfigur, in der Mitte des Dorfbrunnens von Montazels – das Pendant zu dem Kopf Daemonas, in Rennes-les-Bains
Eine ähnliche, besser erhaltene Statue ziert den imposanten Brunnen, auf dem Dorfplatz von Montazels – direkt vor Abbé Saunières Elternhaus. Nur 5 Jahre, bevor Daemonas Kopf den Weg in das seltsame Museum antrat, ereigneten sich noch viel unglaublichere Dinge in Rennes-les-Bains. Im April 1987 schuf die Gemeindeverwaltung Raum für neue Parkplätze am Ortseingang. Kein leichtes Unterfangen; denn der Felssockel, der genau vis à vis vom Thermalbad, in die Rechtskurve hineinragt, musste zu dem Zweck zurückgebaut werden. Im Scheitelpunkt der Kurve stand bis dahin, vor der Felswand, ein Eisenkreuz auf einem Steinsockel, dass an den schon mehrfach genannten Abbé Delmas erinnert (Delmas-Kreuz). Das Kreuz steht auch heute noch auf seinem Sockel vor der Felswand – nur, alles zusammen etwa 5 m weiter nach hinten versetzt. Bis dahin ist das alles natürlich kein Bisschen unglaublich. Doch wer sich die Felswand hinter dem Kreuz einmal genauer betrachtet, dem wird auffallen, dass sich eine halbrunde Partie des Felsens von dem umgebenden Gestein unterscheidet. Kein Wunder, denn diese halbrunde Partie besteht aus Beton und der verschliesst das Portal eines Tunnels, welches beim Rückbau des Felsens freigelegt worden war. Warum das? Am Ortsrand existieren noch andere solche Tunnel, die ganz selbstverständlich, wie eh und je, offen bleiben.

Was ist hier vertuscht worden?

Die Arbeiter benachrichtigten umgehend das Bürgermeisteramt in Rennes-les-Bains von ihrer Entdeckung. Doch niemand dachte daran, die DRAC [3] zu informieren. Man spannte ein paar Streifen rotweisses Absperrband vor die Öffnung im Fels und setzte die Baurbeiten einfach fort. Ohne auch nur einen neugierigen Blick in die offene Grotte zu werfen? Das wäre in der Tat kaum zu glauben. Mehr als 20 Jahre lang hat sich eine Mauer des Schweigens um das Innere der Grotte gehalten. Das heist, geredet wurde viel über die Angelegenheit – nur nicht von den Leuten, die Genaueres wissen. Der damalige Bürgermeister weigert sich nach wie vor, Fragen zu beantworten und die gesamte Gemeindeverwaltung hüllt sich mit ihm in Schweigen. Dafür äussern sich gelegentlich Einheimische, die damals mehr oder weniger zufällig Zeugen der Geschehnisse wurden. Ein Mann aus Luc sur Aude erinnert sich an die weiteren Ereignisse, in der Nacht, nach der Entdeckung: "...es war Nacht, die Strasse vor der Thermal-Station war abgesperrt von Männern in Armeeuniform. Ein Kleinlastwagen war mit der Rückseite gegen die Felswand gefahren und ein anderes Auto stand davor. Männer überwachten die Arbeiten in dem Loch. Sie verluden irgendwelche Sachen auf den Lastwagen und das schien eine harte Nachtschicht für sie zu sein." Es gab noch weitere Zeugen für die Nacht- und Nebelaktion. Ein Einwohner von Rennes-les-Bains beobachtete die bizarre Szene von einer Ecke aus, hinter der er sich verbarg und die "Operation Commando", wie er den Vorgang nennt, bis zum Ende beobachtete. Er will die abfahrenden Autos anschliessend noch bis nach Couiza verfolgt haben. Dann kehrte er an den Ort des Geschehens zurück, um noch in derselben Nacht, nur mit einer Taschenlampe in der Hand, die Grotte zu besichtigen. Er erinnert sich: "Es ist ein Gewölbe von etwa 1,80 m in der Höhe, ungefähr 2,20 m Breite und 5 m Tiefe..."

Es wäre nun wenigstens zu erwarten gewesen, dass nach der nächtlichen Aktion eine Untersuchung des Vorfalls eingesetzt hätte. Nichts dergleichen. Statt dessen liess die Mairie den Eingang schnellstens  mit einer gewaltigen Barriere aus Beton verschliessen.  Verständlich, dass die Gerüchteküche bis heute weiter brodelt. Von einem reichen, bedeutenden Schatz wird da zumeist hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, der in jener Nacht an einen brocanteur in Bordeaux gegangen sein soll. "Warum aber ausgerechnet nach Bordeaux?" – fragen  Jaques Riviere und Claude Boumendil völlig zu Recht, in ihrem Buch "Histoire de Rennes-les-Bains". Doch wer weiss – vielleicht fällt schon bald doch noch Licht in die Angelegenheit. Denn kürzlich ist die Affäre in der überregionalen Presse wieder aufgegriffen worden. L’Independant berichtete kürzlich in einem ausführlichen Artikel über Spuren, die bis in allerhöchste Kreise, in Paris, hinein führen sollen. So soll der damals hochkarätigste  Pariser Antiquitätenhändler, Vater eines Ministers, in die Sache verwickelt gewesen sein. [4]
Wie auch immer, in der Grotte, die mit allergrösster Wahrscheinlichkeit ein tombeau – eine Grabkammer –  gewesen ist, müssen sich jedenfalls  Gegenstände befunden haben, die den ganzen Aufwand jener nächtlichen Grabräuberei Wert gewesen sind. Von einem solchen tombeau berichtete übrigens bereits Abbé Delmas, in seinen Erinnerungen, im Jahr 1709. Für den Curé gab es keinen Zweifel daran, dass sich irgendwo bei "Les Escadados" das Grab einer ausserordentlich bedeutsamen Persönlichkeit aus der gallorömischen Zeit befindet. Er nannte es das "Grab des unbekannten grossen Römers" –  vermutlich ein General. Mit diesem Feldherrn, bzw. mit seinem Grab scheint es jedoch eine besondere Bewandtnis zu haben. Es hat den Anschein, als rechnete Delmas mit der Entdeckung occulter Geheimnisse. Befürchtete aber andererseits, dass  die betreffende Grabstätte bereits vor langer Zeit schon ausgeplündert worden sein könnte. Seine Aufzeichnungen lassen diesbezüglich lediglich gewisse Schlüsse zu. Oberhalb des Grabes, an der Felskuppe, befindet sich ein aus Naturstein erbautes Plateau, welches, Delmas zufolge, als Sockel für eine Siegessäule oder ein ähnlichen Zeichen oder Denkmal gedient haben soll. Dieses Wahrzeichen wäre also für den grossen Römer über seinem Grab errichtet worden. Bei meinen eigenen Recherchen in dem Terrain, konnte ich mich davon überzeugen, dass der  Curé  die nächstliegende, die wahrscheinlichste Erklärung für das eigenartige Bauwerk gefunden hat. Schwer  vorstellbar, dass dieses Fundament etwas anderes als ein Podest sein soll.

Dem Abbé Delmas müssen jedoch, ausser den mündlichen, Überlieferungen noch andere Quellen zugänglich gewesen sein. Wie soll man es sich sonst erklären, dass er offenbar über verblüffend genaue Kenntnis von einem Römergrab verfügte, welches erst ungefähr 270 Jahre nachdem er es beschrieben hatte, entdeckt worden ist? – "zufällig" exakt unmittelbar hinter dem Kreuz, dass man, lange vor der eigentlichen Entdeckung, zu seinem Gedenken aufstellte.

Möglicherweise liegt hier aber eine Verwechselung vor, und Delmas Angaben beziehen sich auf ein anderes Römergrab, welches der Curé um 1909 bei Escadados gefunden und sicherlich auch ausgeräumt hat. Das erscheint mir naheliegend, denn das tombeau hinter dem Kreuz ist ja, wie gesagt, erst 1987 entdeckt worden und ein weiteres römisches Höhlengrab ist kurz darauf, oberhalb am Hang, von einem Schatzsucher ausgeräumt worden. Über den Inhalt dieses Grabes ist leider weiter nichts bekannt, als das es sich um einen recht umfangreichen Münzschatz aus römischer Zeit und um andere, wertvolle Gegenstände gehandelt haben soll. Der Schatz war in einer kleinen Grotte verborgen, in die man durch einen kurzen Stollen gelangt.

Ich gehe davon aus, dass bei Les Escadados noch zahlreiche weitere römische Gräber auf ihre Entdeckung warten.

Das Terrain hat seinen Namen von den vielen kleinen und auch längeren Treppen und Treppchen, die überall an dem oftmals ausserordentlich steilen Abhang anzutreffen sind, der im Ortseingangsbereich sogar in eine völlig senkrechte Steilwand übergeht, auf der ganz oben lediglich ein etwa vier bis fünf Meter breiter Sims "nutzbare" Fläche aufweist. Gerade hier, auf diesem schmalen Streifen finden sich auffallend viele Treppen und jenes steinerne Podest. Doch wohin führten diese Treppenstufen, was sollte man auf ihnen erreichen können? Weder in der gallorömischen Epoche, noch während des 19. Jh. werden die gewöhnlichen Kurgäste des Thermalbades sich bemüssigt gefühlt haben, bei ziemlich anstrengenden Kletterpartien auf kleinen Treppen über einer Steilwand ihr Leben auf’s Spiel zu setzen. Wer aber dann – und warum?
Das steinerne Podest, auf dem vermutlich ein Obelisk aufgestellt gewesen ist Das steinerne Podest, auf dem vermutlich ein Obelisk aufgestellt gewesen ist
Ist es weiter nichts als reiner Zufall, wenn am Ortsrand von Espezel (bei Belcaire), ein Flurstück wegen der vielen merkwürdigen Treppchen "Encatados" genannt wird und wenn inmitten dieser Treppen ein gewundener Gang in ein niediges Gewölbe führt?

Es spricht noch so manches mehr für meine Annahme, dass "Les Escadados" wahrscheinlich den nördliche Teil eines grossen römischen Friedhofskomplexes darstellt, der hier in Verlauf jenes Zeitraums entstanden sein muss, der sich anhand von entsprechenden Münzfunden eingrenzen lässt. Die ältesten bisher gefundenen Münzen datieren aus der Ära des zweiten Triumphirat von Marcus-Antonius und Octavian und belegen somit die Anwesenheit von Römern, in den damals "Aquae Calidae" genannten Thermen schon seit 59 v.u.Z. Die jüngsten römischen Münzen aus Rennes-les-Bains sind Prägungen aus der Regierungszeit Konstantin des Grossen, bis hin zu Stücken von Flavius Julius (von etwa 305 u.Z. bis in die Mitte des 5. Jh.). Die Thermen sind demzufolge über den langen Zeitraum von rund 500 Jahren ein beliebter, wichtiger und privilegierter Platz für die Römer gewesen. Und zwar nicht etwa nur für "irgendwelche" Römer... Dafür steht eben jenes Grab des "unbekannten grossen Römers", bei dem es sich, so viel man weis, um eine Persönlichkeit gehandelt haben soll, die dem grossen Pompejus nahe stand. Denn darauf scheint  eine Inschrift auf einer Steinplatte hinzuweisen, die schon Guillaume Catel im Jahr 1633 erwähnte.[5] Der Stein befand sich ebenfalls im Museum von Rennes-les-Bains.

Die Inschrift lautet: C. POMPEIUS QUARTUS D.A.M. SVO

Allerdings ist die Inschrift auf dem Stein zum Teil so stark verwittert, dass sie nicht mehr ganz eindeutig entzifferbar ist. Insbesondere das "D" von "D.A.M" muss nicht unbedingt als "D" gelesen werden. Und so erklärt es sich, dass die Inschrift im Laufe der Zeit, von verschiedenen Forschern, unterschiedlich interpretiert werden konnte.

-    Von Alessandri und Rancoule als: "Cneius Pompeius Quartus Libens Animo Marto Suo" – indem sie statt "D" ein "L" lasen.

-    Albert Rieux veröffentlichte seine sechsseitige Studie in einem Bulletin der SESA und vertrat dort die Ansicht, dass anstelle des "L" besser ein "D" angenommen werden sollte – für: "...DEIS AVERNIS MANIBUS". Nach vergleichenden Studien an zahlreichen anderen alten römischen Inschriften in Gallien, bezog er sich dabei auf die Arbeit des Benediktiners Dom Bernard de Mont.

-    Louis Fédié konnte sich, ausser einem "D" und einem "L" auch noch ein "P" als sinnvolle Ergänzung denken – also "P.A.M" und dass der Stein ursprünglich an einer Mauer, in der Nachbarschaft der "Source de la Reine" angebracht  war, wo er auf  die Existenz jenes Mausoleums im Gelände von Escadados hinwies, von dem schon Delmas gesprochen hatte.[6]

-    Abbé Delmas selbst schien sich ebenfalls schon im Klaren darüber zu sein, dass der unleserliche Buchstabe Raum für unterschiedliche Interpretationen liess, die Inschrift an sich, so oder so, jedoch mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Grabinschrift wäre. Pompejus hätte auf einer Spanienexpedition die Gegend besucht – naheliegenderweise Aquae Calidae, die Thermen von Rennes – und hier wäre einer seiner engeren Freunde oder ein hochrangiger Offizier gestorben. Für diesen Freund hätte Pompejus ein Mausoleum und über dem Grab eine Säule errichtet. An dieser Säule (oder an ihrem Sockel) wäre ursprünglich die Platte mit der Inschrift angebracht gewesen.

-    Dr. Courrent schloss sich der Auffassung des Curé weitgehend an.[7]
Es ist natürlich naheliegend, dass dieses tombeau ganz sicherlich nicht einzeln und isoliert an seinem Ort angelegt worden ist. Les Escadados ist ein römischer Friedhof und die vielen Treppen führten zu Grabstellen, an denen wahrscheinlich oft nur Urnen standen. Das Terrain von Escadados erstreckt sich von seinem nördlichen Rand, der die Kurve am heutigen Thermalbad bildet, oberhalb der steilen Felswand, nach Süden ungefähr bis zu jener Gemarkung, die den Namen "Fangallots" trägt. Von diesem Gelände weis man sicher, dass es einen antiken Friedhof birgt. Warum ist dann das Grab des unbekannten grossen Römers nicht auf dem Friedhof bei Fangallots angelegt worden? Oder auf Le Picou, einem anderen als Friedhof bekannten Platz am Ortsrand? Doch sicherlich, weil man den repräsentativsten Platz für das Grab auswählte. Das ist der Platz, direkt an der Source de la Reine – an der Quelle der Königin. Zugleich ein Indiz für die Existenz mehrerer Begräbnisplätze bei Rennes-les-Bains. Ich würde mich nicht wundern, wenn bei Escadados, rings um dieses bedeutende Grab, noch weitere Gräber gefunden werden. Ein Anfang ist ja schon gemacht, wenn man z.B. jene "Grotte", welche den Münzschatz enthielt, als das betrachten würde, was sie einmal war – ein tombeau.

Wir wissen, dass die Römer ihre Friedhöfe niemals innerhalb ihrer Städte und Siedlungen anlegten. Römische Friedhöfe finden sich immer ausserhalb der Ortschaften, entlang der Strassen. So auch in Rennes-les-Bains. In dem engen Tal, in dem der Ort liegt, ist die Auswahl in Frage kommender Areale sehr eingeschränkt.
An diesem Plan des modernen Rennes-les-Bains interessieren in dem hier dargestellten Zusammenhang weniger die eingezeichneten Peilungen, sondern vor allen Dingen zwei Markierungen: 1. Der Platz, an dem Abbé Boudet den Kopf der Göttin Daemona von seinem Sockel abschlug (der hier sogar als Menhir bezeichnet ist), und 2. Die Flurbezeichnung "Fangallots".

Man muss heute wirklich nicht erst lange suchen, um auf die alten Begräbnisplätze zu stossen, auf denen sich Gräber in grosser Anzahl drängen. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich auf der anderen Seite von Rennes-les-Bains weitere Begräbnisplätze in südlicher Richtung auf den Hängen an der Strasse entlang erstrecken – bis hin zu jenem Berghang, der heute noch, ganz bestimmt nicht von ungefähr, unter dem Namen "l’Homme Mort" bekannt ist. Die gesamte Bergflanke, von Rennes-les-Bains bis hinauf, nach "l’Homme Mort", ist übersät mit uralten Grabstätten, von denen viele einst zweifellos prächtig, heute immer noch imposant erscheinen. Wenn auch die meisten Gräber schon vor langer Zeit geplündert und zerstört worden, andere einfach verfielen und/oder von schier undurchdringlichem Gestrüpp überwuchert sind, blieben einige von ihnen doch so gut erhalten, dass sie immer noch Bewunderung wachrufen. Ich bin im Verlauf der vergangenen Jahre immer und immer wieder, vorzugsweise bei l’Homme Mort, im Gelände unterwegs gewesen und habe dort bestimmte Plätze unzählige Male untersucht, so gut mir das eben möglich ist. So manche der alten Felsengräber sind noch immer weitgehend unversehrt, weil ausserordentlich sicher verschlossen.
Plan von Rennes-les-Bains, wie es während der gallorömischen Epoche aussah. Die Römer unterhielten, salsaufwärts der Thermen, lediglich ein Castrum, welches den Platz sicherte und wahrscheinlich in erster Linie von Soldaten und Service-Personal, von Händlern, Handwerkern, Ärzten usw. bewohnt worden ist Dieser Plan verdeutlicht, dass die Römer ihre Friedhöfe auch hier in der gewohnten Art und Weise anlegten.

Andere, alte Felsengräber, gähnen den auf der Strasse vorbeifahrenden Touristen regelrecht an (und werden trotzdem noch selten genug wahrgenommen). Die zwei, die ich meine, sind sehr bekannt und gelten für gewöhnlich als "alte Minen". Aber, sollten das tatsächlich Minen gewesen sein?

Eben so gut hätte man das Grab des unbekannten grossen Römers, am Fusse von Les Encadados, kurzerhand als alte Mine abtun können. Dort konnte und wollte man es jedoch nicht, weil das Grab bis zu seiner Entdeckung 1987 unberührt  und unberaubt geblieben war. Das ist der ganze Unterschied zwischen den beiden offenen, längst ausgeräumten Gräbern, im Süden von Rennes-les-Bains und ihrem pendant bei Encadados. Ansonsten gleichen sie sich sehr.
Eingang in die grössere der beiden - fälschlicherweise als alte Minen bezeichneten - römischen Felsengräber
Im Inneren des grösseren Grabes
Eingang in die grössere der beiden - fälschlicherweise als alte Minen bezeichneten - römischen Felsengräber Im Inneren des grösseren Grabes
Eingang der kleineren Grabkammer - beide Gräber befinden sich übrigens direkt am Strassenrand der Landstrasse in Richtung Bugarach
Das Innere der kleinen Grabkammer - auffallend ist die dachförmig ausgehauene Decke
Eingang der kleineren Grabkammer - beide Gräber befinden sich übrigens direkt am Strassenrand der Landstrasse in Richtung Bugarach Das Innere der kleinen Grabkammer - auffallend ist die dachförmig ausgehauene Decke
Nur ein kleines Stück weiter flussabwärts, dicht über dem gegenüberliegenden Flussufer der Blanque, führt ein ähnlich aussehender Stollen – übrigens sehr viel tiefer – den Steilhang des Serbairou, bis in eine Kammer. Dieser Gang könnte an und für sich viel eher als alte Mine angesehen werden. Doch der geflutete Stollen ist leergepumpt und untersucht worden – ihn hält man für ein tombeau.

Zu Recht, denke ich.
Eingang in das Felsengrab, im Serbairou. Der Stollen führt leicht abschüssig in den Berg hinein, bis in eine Grabkammer, steht aber leider ständig unter Wasser und ist deswegen nicht begehbar Eingang in das Felsengrab, im Serbairou. Der Stollen führt leicht abschüssig in den Berg hinein, bis in eine Grabkammer, steht aber leider ständig unter Wasser und ist deswegen nicht begehbar
Delmas-Kreuz an seiner alten Position, vor Beginn der Bauarbeiten und Entdeckung des Römer-Grabes, im Jahr 1987, einige Meter weiter links von der Stelle aus, an der es heute steht. Delmas-Kreuz an seiner alten Position, vor Beginn der Bauarbeiten und Entdeckung des Römer-Grabes, im Jahr 1987, einige Meter weiter links von der Stelle aus, an der es heute steht.
Zum Vergleich, der heutige Standort des Delmas-Kreuzes, direkt vor dem zubetonierten Eingang in das Römergrab Zum Vergleich, der heutige Standort des Delmas-Kreuzes, direkt vor dem zubetonierten Eingang in das Römergrab





Teil 2: Das verfluchte Gold von Toulouse (aurum Tolosanum)
Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als gehörte die Geschichte dieses Schatzes nicht hier her. Toulouse, die ehemalige Residenz der Wisigotenkönige, liegt schliesslich gar zu weit entfernt, von Rennes-le-Château. Doch innerhalb der Rätsels um den "Milliardenpfarrer" Saunière behauptet diese Schatzgeschichte ohnehin von jeher einen festen Platz, als mögliche Quelle seines Reichtums – und wie wir sehen werden, vielleicht nicht einmal ganz zu Unrecht. Denn als ich mich intensiver mit der Geschichte des Römergrabes bei Escadados beschäftigte, geriet ich auf eine völlig neue Spur.

Denn die Schlüsse, die bisher aus den unterschiedlichen Interpretationen der Inschrift auf der Steinplatte von Rennes-les-Bains gezogen worden sind, kann ich so nicht nachvollziehen. Egal, ob man die abgekürzte Stelle als "D.A.M", als "P.A.M" oder als "L.A.M" liest – das mag im Widmungstext einen jeweils unterschiedlichen Sinn ergeben – an der Tatsache, dass Pompeius Strabo die Platte stiftete, ändert keine der Interpretationen auch nur das Geringste. Wohl aber an den daran anknüpfenden Schlussfolgerungen, denen zufolge Pompeius Strabo den Stein für das Grab eines grossen Römers aufstellen liess, der zum engeren Kreis um seinen Sohn Pompeius den Grossen gehörte.[8] Doch das ist unmöglich. Zwar zog Pompeius Magnus tatsächlich mit einem Heer nach Spanien, nachdem er 77 v.u.Z ein prokonsulares Imperium erlangt hatte. Dieses Prokonsularium beinhaltete eine Statthalterschaft der Provinz Hispania Citerior. In dem Jahre dauernden, sehr verlustreichen Krieg in Spanien, gegen Quintus Sertorius, gewann Pompeius Magnus erst zum Jahr 71 v.u.Z die Oberhand und kehrte mit seinen Legionen nach Italien zurück. Im Verlauf der schweren Kämpfe können natürlich auch enge Freunde des Feldherrn gefallen sein. Doch zu der Zeit war sein Vater Pompeius Strabo längst schon gestorben – im Jahr 87 v.u.Z.

Folglich muss der Stein für das Grab eines anderen grossen Römers bestimmt gewesen sein – für einen Römer aus der Generation des Vaters Pompeius Strabo.

Was genau die Südwanderung in Richtung Makedonien und Griechenland Anfang des 3. Jh. v.u.Z auslöste, wissen wir nicht - vielleicht war es die Faszination der fabelhaften Reichtümer der klassischen Welt, mit welchen die Kelten der Hallstattkultur bereits in Berührung kamen. Nach dem Tod von Alexander des Großen im Jahre 323 v. Chr. brach das Alexanderreich zusammen - das einst von der Adria bis Afghanistan reichte.
Die Griechen und Makedonier waren sich der Bedrohung durch die Kelten, die sie Galatae nannten, deutlich bewusst. Die Keltenangriffe auf Makedonien konnten in Schach gehalten werden, bis dann die Volkes [9] 281 v.u.Z. unter ihrem Anführer Bolgios König Ptolomeäus Ceraunus besiegten und enthaupteten. Damit stand ihnen der Weg nach Süden offen. 279 v.u.Z. fielen keltische Heere in Makedonien ein. Im weiteren Verlauf führte innerer Zwist zu einer Spaltung des Invasionsheeres, wobei 20.000 Mann unter der Führung von Leotarius und Leonnorios auf eigene Faust den Weg fortsetzten, sich schließlich in der Türkei niederließen und einen Galaterstaat gründeten. Ein anderer Teil des Heeres - unter den Anführern Acichorios und Brennus (dieser Name oder Königstitel ist auch ein Jahrhundert früher belegt) - zog südwärts nach Griechenland. Der Angriff und die Plünderung Delphis (hier unterscheiden sich die antiken Berichte) sowie die Zerstreuung vieler Galater stellten den Höhepunkt der keltischen Expansion in Europa dar. Die Galater unterteilten sich in die großen Stammesgruppen der "Tectosagen", "Trokmer" und der "Tolistoboger". Als Zentralheiligtum der Galater ist "Drunemeton" (Eichenheiligtum) bekannt.

Die Beute mit der sich die Tectosagen aus Griechenland zurückzogen, muss enorm gewesen sein. Weitgehend einig sind sich die antiken Geschichtsschreiber über den Umfang, den sie auf 15.000 Talente in Silber (entspricht 55 Tonnen) und 5.000 Pfund in Gold (also 25 Tonnen) bezifferten. Den Tectosagen bedeutete das Gold als materieller Besitz, als persönlicher Reichtum, wenig. Sie schätzten es aber umso höher, als Gabe für ihre Götter, denen sie traditionell in überreichen Masse das edle Metall in ihren Heiligtümern darbrachten. Das Gold aus Delphi brachten sie, zusammen mit der Beute aus dem Apollonheiligtum und anderem Beutegut aus diesem Kriegszug, in ihr Hauptheiligtum, nach Toulouse, wo sie es als Opfer  im "Heiligen See" versenkten. [10]

Wo sich dieser See befunden haben soll, ist bis heute unklar. Über die ehemalige Lage des zentralen Heiligtums der Tectosagen herrscht Uneinigkeit unter den Archäologen und den Historikern. Doch muss es sich unweit von Toulouse befunden haben. Um 100 v.u.Z war man in Rom jedenfalls noch bestens im Bilde über die Vorgänge, die zu der Zeit rund 180 Jahre zurück lagen. Und man wusste genau, wo der Heilige See bei Toulouse zu finden war.

Im Jahr 105 v.u.Z. errang ein römisches Heer einen vernichteten Sieg über die Volcae-Koalition in Südgallien. Tolosa, das heutige Toulouse wurde erobert und die Römer plünderten nun ihrerseits.

Vieles hängt wohl mit der ersten Plünderung Roms zusammen. Gegen die vordringenden Kelten riefen damals die etruskischen Stadtstaaten ihre Nachbarn zu Hilfe. Die junge, allzu selbstbewusste Republik Rom intervenierte um das Jahr 387 v.u.Z., als die keltischen Senonen zu Tausenden die Etruskerstadt Clusium angriffen. Indem seine Abgesandten gegen die Neuankömmlinge zu den Waffen griffen, brach Rom die internationale Konvention und beschleunigte den Marsch der Kelten auf Rom. In der Schlacht am Allia wurde das römische Heer aufgerieben; dem folgte eines der schmachvollsten Ereignisse der römischen Geschichte: die Plünderung Roms durch die Kelten. Nach der Legende soll der Kapitolinische Hügel ausgehalten haben, aber das dürfte eher römisch patriotische Fiktion sein. Die Kelten mussten zum Abzug bestochen werden, verwüsteten jedoch vorher die gesamte Stadt. Als sich die Römer über die Art der Abwiegung des Lösegeldes beschwerten, soll der Senonenführer Brennus sein Schwert in die Wagschale geworfen und ausgerufen haben: "Vae victis" (Wehe den Besiegten). Rom erholte sich zwar schnell von der Demütigung, aber die Folgen des Ereignisses hielten jahrhundertelang an. Von nun an begegnete man den Kelten mit Furcht und Misstrauen als einer gefährlichen barbarischen Supermacht im Norden, die für die Sicherheit Roms eine ständige Bedrohung darstellte. Dafür sollten noch viele unschuldige mit ihren Leben bezahlen. Diese Bedrohung nahm Cäsar als Vorwand für seine Gallienfeldzüge (58 - 51 v. Chr.) und den damit verbundenen Völkermord an den Galliern. Dieser "Terror Gallicus" beeinflusste die Haltung der Römer gegenüber den Galliern sogar noch, als schon fast die gesamte keltische Welt erobert war. Solche Vorwände für Völkermord kennen wir nur zu gut aus allen Epochen.

Geführt wurde das Heer, welches 106 v.u.Z. Tolosa eroberte, von dem Konsul Quintus Servilius Caepio, einem Politiker der späten römischen Republik. Von 129 bis 126 v.u.Z. bekleidete er das Amt eines Militärtribun, erst in der Provinz Asia und 109 als Prätor der Provinz Hispania ulterior. Gleich nach seiner triumphalen Rückkehr nach Rom, griff er dort in die Politik ein, annullierte eine Regelung des Gaius Gracchus, die den Rittern anstelle von Senatoren das Recht eingeräumt hatte, als Geschworene zu Gericht zu sitzen. War aber ab 106 schon wieder als Prokonsul in Gallien zu finden.

Dieser Quintus Servilius Caepio drang in das keltische Zentralheiligtum bei Tolosa ein. Er liess den Heiligen See trocken legen und hob tatsächlich den darin verborgenen Goldschatz (die vielen Tonnen Silber wird er selbstverständlich auch nicht verachtet haben), den er dann nach Massalia  (Marseille) abtransportieren liess.

Doch dort ist dieser wertvolle Schwertransport niemals angekommen. Was war geschehen?

Prokonsul Caepio berichtete nach Rom, dass sein Goldtransport auf der Strecke nach Massalia von einem Heer der Tectosagen angegriffen worden sei, die den gesamten Schatz zurückerobert hätten. Dort begenete man dieser Nachricht  mit Misstrauen. Erst Recht nachdem der Konsul, nach der verlorenen Schlacht gegen die Kimbern, bei Arausio, nach Rom zurück gekehrt war. Zusammen mit dem Konsul Gnaeus Mallius Maximus hatte sich Caepio gegen die vereinten Heere der Kimbern und Teutonen zu stellen, die das Rhonetal herunter gezogen kamen. Bei Arausio (Orange) trafen Römer und Germanen aufeinander. Der genaue Ablauf dieser Schlacht ist nicht überliefert. Man weis lediglich, dass Caepio eine fatale Fehlentscheidung traf, indem er den Oberbefehl nicht an Mallius Maximus übertragen wollte, weil der von zu geringerer Herkunft gewesen sei. Daher traten zwei etwa gleichstarke römische Heere, die getrennt und unkooperativ operierten, gegen einen furchtbaren Feind an und wurden beide völlig vernichtet. Nach Angaben des Valerius Antias fielen etwa 80'000 Legionäre und 40'000 Trossknechte und Marketender wurden erschlagen. Nur 10 römische Legionäre sollen dem Gemetzel entkommen sein. Auch wenn Anitas für seine Übertreibungen bekannt ist – die Niederlage der Römer muss katastrophal gewesen sein. Der Sage nach bestraften die Götter den römischen Konsul auf diese Weise die Plünderung ihres Heiligtums in Toulouse. Wie hoch die Verluste auf Seiten der Kimbern und Teutonen gewesen sind, weis man nicht – nur, dass sie, wie üblich, ihre Beute den Göttern opferten. Das Beutegut aus Tolosa führte Caepio jedenfalls nicht mit im Tross. Das hätte zweifellos Erwähnung gefunden. Und wäre es nach der verlorenen Schlacht den Germanen in die Hände gefallen, dann wäre der Verlust auf jeden Fall bezeugt gewesen.

Dem erbärmlichen Verlierer Caepio nahm man nach seiner Rückkehr nicht nur die jämmerliche Niederlage bei Arausio übel, sondern man beschuldigte ihn obendrein der Unterschlagung des Beutegutes von Tolosa. Es gibt eine Andeutung in diese Richtung bei Cassius Dio, einem römischen Geschichtsschreiber. Darauf bezog sich Theodor Mommsen, der, wie schon der Senat in Rom, davon ausging, dass Caepios Männer den Schatz für ihren Feldherrn beiseite brachten. Und das ist eben so gut möglich, wie die andere Erklärung – die Tectosagen hätten ihren heiligen Schatz zurück erobert und erneut, aber in einem anderen anderen See versenkt. Denn so berichten es alte tolosanische Überlieferungen. Von denen wollte man in Rom jedoch nichts wissen. Caepio soll in einem römischen Gefängnis, nach langen Jahren umgebracht worden sein. Nach anderen, glaubhafteren Berichten, verbrachte er den Rest seines Lebens in der Verbannung – in Gallien. Und zu dieser luxuriösen Strafe müssen ihm einflussreiche Freunde in Rom verholfen haben.

Wer könnten diese Freunde gewesen sein?

Leider existiert die Inschrift auf  dem Grabstein nur noch als Fragment und es findet sich kein Datum. Wir können nur davon ausgehen, dass die Platte vor dem Tode von Pompeius Strabo, also vor 87 v.u.Z. für einen hochrangigen toten Römer installiert worden ist, der dem Stifter der Platte nahe gestanden haben oder wichtig gewesen sein muss. Es ist nicht möglich, im Rahmen dieser Arbeit, auf die komplexen und komplizierten römischen Verhältnisse des betreffenden Zeitraumes mit der eigentlich erforderlichen Gründlichkeit einzugehen. Und einen schlagenden Beweis dafür, dass Pompeius für seinen Freund Caepio ein Grabmal in in der römischen Provinz Gallien, in Aquae Calidae, errichtete, wäre auf diese Weise vermutlich kaum zu erbringen. Wohl aber könnte es sich herausstellen, dass beide in den Wirren des römischen Bürgerkrieges auf der Seite Sullas standen. Von Pompeius Strabo weis man es genau. Nachdem er zuvor schon den Sieg im Krieg der Bundesgenossen für Rom erfochten hatte, ergriff er zwei Jahre später Partei für Sulla, gegen Gaius Marius, im Bürgerkrieg. Hier starb er, während der Belagerung Roms, noch bevor eine Schlacht geschlagen war. Sein Tod, um den sich schon bald Legenden bildeten, muss einigen Eindruck gemacht haben. So soll Strabo vor den Mauern Roms vom Blitz erschlagen worden sein. Wahrscheinlich hatte er sich aber mit einer tödlichen Seuche infiziert und seine Legionäre wollten sich mit einem so unrühmlichen Ende ihres Feldherrn nicht abfinden. Caepius wiederum muss, zumindest wegen seines Versagens bei Arausio, in Gaius Marius einen entschiedenen Gegner gehabt haben. Das ist anders gar nicht denkbar für einen Mann wie Gaius Marius, der wegen seiner Heeresreform oft als "der dritte Gründer Roms" (nach Romulus und Camillus) bezeichnet wurde. Denn unbestritten war es Caepios katastrophale Niederlage, die "mittelbar zur Heeresreform durch Gaius Marius (104 v.Ch.) führte...".[11]

Römische Politik war im wesentlichen Familienpolitik, das heisst stark vereinfacht, sie wurde von Familien für diese Familien gemacht. Familienverhältnisse, verwandtschaftliche Beziehungen usw. sind in einer Frage, wie oben gestellt, also oftmals ganz entscheidend. So war Marius beispielsweise verheiratet mit Julia, einer Tante Gaius Julius Cäsars, dem späteren direkten Gegner des Sohnes von Pompeius Strabos, von Pompeius Magnus. Das Jahrzehnte anhaltende Ringen zwischen diesen beiden etwa gleich starken Rivalen gab einer ganze Epoche Roms ihr Gesicht, beinhaltete u.a. die Eroberung Galliens durch Cäsar und führte dazu, dass Cäsar den sprichwörtlich gewordenen Rubikon überschritt. Was ich hier lediglich andeute, soll nicht mehr sein, als ein Versuch, mögliche Zusammenhänge zu entdecken, die jedoch gewiss bestehen.

Vielleicht waren aber auch ganz bestimmte andere Gemeinsamkeiten vor dem umrissenen Hintergrund Basis einer engeren Beziehung zwischen den zwei Römern. Stand Caepio lediglich unter dem schweren Verdacht, Beutegut unterschlagen zu haben, so schuf Strabos Sohn, Pompeius der Grosse, ganz ungeniert vollendete Tatsachen. Während des erwähnten Bundesgenossenkrieges begann er bereits, noch unter dem Oberbefehl seines Vaters Strao stehend, seine eigene Position zu festigen und auszubauen. "Seine Taktiken waren zum einen zweifelhaft, (er liess nach der Einnahme der Stadt Asculum deren Bevölkerung töten), zum anderen undurchsichtig. Ausserdem machte er sich unbeliebt, als er die Beute, die er aus Asculum herausgepresst hatte, seinem Privatvermögen und nicht dem römischen Staatsschatz zuführte." Der Vater scheint nichts dagegen gehabt zu haben. Sonst hätten sich der Attentatsversuch seiner rebellierenden Legionäre nicht auch gegen ihn gerichtet. Und so, wie sich Vater und Sohn in der Affäre solidarisierten, werden sich gerne mit einem Mann verbündet haben, sich in eine ähnliche Situation gebracht hatte – nur, dass Caepios alles in den Schatten gestellt haben dürfte, was alle anderen Räuber in Rom an sich gebracht hatten. Mit solch einem märchenhaften Vermögen in der Hand fand er leicht einflussreiche Freunde. Man musste also nicht unbedingt die Tochter des Richters heiraten, wie Pompeius Magnus, als er wegen Beuteunterschlagung in Rom angeklagt war, um einen Freispruch zu erhalten...

Ausserdem war hier im Hinblick auf das Beuterecht ein Wandlungsprozess im Gange, der schon bald darauf zu einer der grundlegenden Umwälzungen in der Heeresreform des Marius führte.

Irgendwie bezeichnend und aus der Rennes-le-Château-Perspektive auffallend erscheint mir jene Episode, kurz nach dem Krieg gegen den pontischen König Mithridates, als Pompeius Magnus, gegen 63 v.u.Z., in die Unruhen eingriff, die in Judäa ausgebrochen waren. Dort erregte er die Gemüter auf das äusserste, als er in das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels eindrang. Mit dem Gold von Toulouse steht der Vorfall selbstverständlich in keinem Zusammenhang. Doch in den Lebensdaten Caepios und Strabos bestehen sie sicherlich. Ob diese Zusammenhänge letztlich auf die eine oder die andere Weise zu engen persönlichen Bindungen führten, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Zumindest erscheint es vorstellbar, dass Strabos Stein zum Grabmal des Quintus Servilio Caepio gehörte. Wäre das tatsächlich der Fall, dann könnte man in der Umgebung von Rennes-le-Château unter Umständen wirklich die Spur des verfluchten Goldes von Toulouse aufnehmen.

Warum nicht von einem kleinen Ort aus, der gar nicht weit von Rennes-les-Bains, bei Limoux zu finden ist? Man passiert das Dorf bei der Fahrt auf der D 118, von oder nach Carcassonne. Die Ortschaft trägt den Namen Cépie. In der "Toponymie Occitane", von Benedict und J.-J. Fénié erfahren wir mehr über den Ursprung und die Bedeutung der Ortsnamen im ehemaligen Occitanien.

Für Cépie, dessen Herkunft sich leider nicht eindeutiger zuordnen lässt, kann jedoch berechtigterweise eine römische Wurzel angenommen werden. So, wie sehr viele andere Ortschaften auch, dürfte es ursprünglich ein römisches Gut gewesen sein, welches den Namen seines Eigentümers trug – "villa Caepio". Vergleichbar beispielsweise mit Lézignan – Licinianus, Marseillan – Marcellianus, Oupia – Oppianus, Pauligne – Paulinianus, Salsigne – Celsinius, Quins – Quinctius oder eben: Cépie – Caepio.







Nihil tam difficile est, quin quaerendo investigari possit
(Nichts ist so schwierig, dass es nicht erforscht werden könnte)






Udo Vits
Der deutsche Forscher Udo Vits, welcher seit dem Jahr 2002 in der Gegend von Rennes-le-Château lebt, hat im Laufe der Zeit mehrer Artike zum Thema verfasst und auch ein Buch über seine Forschungsarbeit geschrieben. Das Buch ist unter dem Titel "Der Muezzin von Rennes-le-Château" vom Ancient Mail Verlag in Deutschland herausgegeben worden. Eine Zusammenarabeit mit Udo Vits ist für uns von www.gralssuche.org echt bereichernd, nicht zuletzt, da ja der geschätzte Autor und Forscher die Möglichkeit hat, direkt und praxisnah vor Ort zu recherchieren.
Wir danken Udo an dieser Stelle für seine Arbeit und auch die Bereitschaft, manchmal aufgrund eines vagen Hinweises für uns die Wälder und Täler im Gebiet um Rennes-les-Bains und Rennes-le-Château zu durchstreifen und so manchen Stein hochzuheben und ins "Rollen" zu bringen....!

Fussnoten
[1] Boudet gebrauchte den Namen in seiner eigentlichen Bedeutung, als "Heidekraut-Plateau", von "brugo", was aus der Languedoc (der alten occitanischen Sprache) stammt, für Heidekraut.
[2] H. Boudet, "La Vraie Langue Celtique et Le Cromleck de Rennes-les-Bains", S. 234 (in der soeben erschienen, erstklassigen Übersetzung von Kerstin Kämpf, erschienen im Ancient Mail Verlag, 2009, ISBN 978-3-935910-64-4).
[3] Französische Denkmalschutzbehörde
[4] Ich folge hier im Wesentlichen der Darstellung dieser Ereignisse, wie sie Rivière/Boumendil, in ihrer "Histoire de Rennes-les-Bains" , Belisane, 2006 veröffentlichten – aber auch meine eigenen Recherchen ergaben dieses Bild.
[5] Zitat : "On voit encore dans l’église dû dit lieu, les Bains de Rennes, une ancienne inscription romaine, qui a été tirée des anciens bâtiments, qui étaient autour de la dite fontaine…" G. Catel, "Mémoires sur l’Histoire du Languedoc", erschienen 1633.
[6] Zitat: "Pompeius Quartus, est le pêre du grand Pompé, qui était le 5éme du nom, comme il paraît appelé par son fils Pompéius Sextus (6éme), on explique l’inscription de cette manière : CNEIUS POMPEIUS QUARTUS JULIO AMICO MAXIMO SUO. Le grand Pompé allant aux Espagnes, passant par ce pays, un de ses grands amis ou de ses grands officiers, étant mort, il fit dressé un mausolée ou colonne sur son sépulcre et c’est une des pierres de cette colonne…"
[7] Zitat : "...L’interprétation donnée par le curé Delmas de cette inscription sépulcrale, semble indiquer que c’est Pompeius Cneius Quartus, le pêre du grand Pompé, donc Pompeius Strabo, qui fut ériger ce monument funéraire lors de son passage… " Dr. P. Courrent
[8] Gnaeus Pompeius Magnus (*29.Sept. 106 v.u.Z + 28.Sept. 48 v.u.Z bei Pelusium) war ein römischer Politiker und Feldherr, bekannt als Gegenspieler Gaius Julis Cäsars. Er galt bis zu seiner Niederlage gegen Cäsar als der brillanteste Heerführer seiner Zeit (der Beiname Magnus spielt auf Alexander den Grossen an), scheiterte aber immer wieder an den innenpolitischen Mechanismen Roms, in die er sich nie einfügen wollte und konnte. Bedeutsam über seine Zeit hinaus waren manche seiner organisatorischen Massnahmen, die das spätere Kaiserreich vorwegnahmen. (aus Wikipedia)
[9] Mit Volcae bezeichneten die Germanen ein Volk, bzw. die ganze keltische Völkergruppe, der Antike. Cäsar gebrauchte diese Bezeichnung später, um sie von den Galliern zu unterscheiden In der gallo-römischen Zeit unterteilte man diese, nun kelto-romanischen Völker, in drei grosse Gruppen: Volcae Tectosages, mit ihrem Zentrum Toulouse, Volcae Arecomices, mit Zentrum Nîmes und die herkynischen Volcae, die vom Schwarzwald bis nach Böhmen ansässig waren.
[10] Zur Zeit der Römer hieß T. Tolosa, war die Hauptstadt der Volcae Tectosages und schon im 2. Jahrh. v. Chr. eine reiche Handelsstadt und Mittelpunkt des westeuropäischen Handels. In dem heiligen Teich des großen Nationalheiligtums war der ungeheure Schatz von 15,000 Talenten versenkt, durch dessen Raub der Prokonsul Cäpio das Aurum Tolosanum sprichwörtlich machte. (Zitat aus Meyers Konservationslexikon)
[11] Zitat: Wikipedia
Download Bericht als PDF
Bericht: Copyright © 23.05.09 / Udo Vits



Absatzliste: Der grosse Römer von Rennes-les-Bains und das verfluchte Gold von Toulouse
WEITERE INFORMATIONEN:
Creative Commons License
Dieser Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.