
Pius IX. hatte 1854 keine neue Lehre verkündet. Das Dogma fasste nur die seit dem Frühchristentum von vielen Theologen und einfachen Gläubigen vertretene Auffassung zusammen, dass Maria vom ersten Augenblick ihrer Existenz an, von der allgemeinen Sündenverflochtenheit der Menschen ausgenommen war.
In einer Predigt erinnerte Kardinal Christoph Schönborn vor einigen Jahren daran, dass das Dogma einer tieferen Erfassung benötige, weil es durch die Formulierung "Unbefleckte Empfängnis" mit vielen Missverständnissen befrachtet ist. Viele Menschen stellten wegen dieser Formulierung etwa die Frage, ob denn Zeugung "etwas Beflecktes sei - ob wir alle Resultate der Sünde sind"? Demgegenüber lehre die Kirche, dass es bei der "Unbefleckten Empfängnis" um die Ausnahmeposition Marias gehe, die im Hinblick auf ihre Aufgabe als Mutter des Erlösers aus der Schuldverflochtenheit ausgenommen wurde. Normalerweise könne der Mensch nicht "direkt auf das Gute zugehen".
Der heilige Bernhard von Clairvaux habe das mit den Worten ausgedrückt, dass "uns die Gabe fehlt, die Dinge so zu schmecken, wie sie sind". Maria aber sei ohne diesen Makel gewesen; "Sie war ein Mensch, dem die ursprüngliche Geradheit des Herzens von Anfang an geschenkt war". Sie sei der Mensch mit "geradem Herzen, der das grosse "Ja" spricht, das Gott von ihr erwartet", so Schönborn.
Die Ursprünge des mit dem Dogma der "Unbefleckten Empfängnis" verbundenen Festes Mariä Empfängnis, reichen mehr als 1000 Jahre zurück.
Der Osten feierte das Fest an manchen Orten schon zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert als "Tag der Empfängnis der Allerheiligsten Gottesmutter durch Anna". Im Westen führte es Anselm von Canterbury um 1100 für seine Diözese ein.
Der Franziskaner Duns Scotus (1265-1308) gilt als Urheber der aktuellen "Immaculata-Lehre", wonach Maria durch eine Voraus-Erlösung (prae-redemptio) ihres Sohnes ohne Erbsünde empfangen werden konnte. 1477 führte Papst Sixtus IV. das Marienfest in Rom ein.
Im 17. Jahrhundert setzen sich viele Orden, vor allem die Jesuiten, für die Immaculata-Lehre ein. Durch einen Jesuiten wurde auch der Habsburger Kaiser Ferdinand III. zu seinem berühmten Immaculata-Gelübde 1645 motiviert. Als damals in den Jahren des Dreissigjährigen Krieges die Eroberung Wiens durch das schwedische Heer befürchtet werden musste, gelobte der Kaiser, das Fest Mariä Empfängnis in seinen Territorien einzuführen und auf einem öffentlichen Platz Wiens eine Mariensäule aufzustellen.
Unter Papst Clemens XI. weitete sich das Fest schliesslich, unter dem seit damals einheitlichen Namen Mariä Empfängnis, ab 1708 auf die gesamte katholische Kirche aus. 1854 erfolgte schliesslich die Dogmatisierung.